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15.09.1933 - HVZ

Der erste Flieger von Tsingtau. - Zum Tode eines auslandsdeutschen Pioniers. - Vor einigen Tagen ging hier die Nachricht ein, daß der Ingenieur Franz Oster in Tsingtau, dem ehemaligen deutschen Schutzgebiet in Ostasien, im Alter von 65 Jahren gestorben ist.

Mit diesem Mann hat ein Deutscher das Zeitliche gesegnet, der nahezu vier Jahrzehnte in Ostasien ein trefflicher Vertreter seines Volkes gewesen ist und der den Ehrennamen eines auslandsdeutschen Pioniers um so mehr verdient, als er nicht nur draußen seinen Privatinteressen gefolgt ist, sondern auch als Schiffs- und Flugzeugbauer wie auch bei der Verteidigung von Tsingtau als Flieger dem deutschen Namen Achtung verschafft und seinen Mann gestanden hat. Franz Oster, geboren in Aegidienberg bei Honnef, war von Beruf Schiffsingenieur. (Hier sei eingeschaltet, daß Oster seine Lehrzeit bei Schlossermeister Doll auf der Hauptstraße begann.) So kam es, daß er bei der kaiserlichen Marine diente und daß er 1895 mit SMS. "Prinzeß-Wilhelm", die unter dem persönlichen Kommando des Prinzen Heinrich von Preußen stand, nah Ostasien kommandiert wurde. Er blieb nah Beendigung seiner Militärzeit in Ostasien und fand zunächst bei einem englischen Maschinen- und Waffenfabrikationswerk Anstellung in Hongkong und Schanghai. Auf Anraten des Prinzen Heinrich von Preußen, der mit ihm Verbindung aufrecht erhielt, siedelte er 1898 als einer der ersten Deutschen ins deutsche Pachtgebiet nach dem Hafenort Tsingtau über, der seine zweite Heimat werden sollte.
Franz Oster gründete hier selbstverständlich eine Maschinenfabrik, die am Anfang aus einer Bretterbunde bestand und in der er mit zwei Matrosen als Gehilfen arbeitete, wohnte und schlief. Durch Fleiß und unermüdliche Schaffenskraft brachte er bald sein Unternehmen zu einer ansehnlichen Fabrik und Werftanlage, die in einigen Jahren zum größten Werk am Platze mit einigen hundert Arbeitern emporblühte. Die Werft baute hauptsächlich Küstendampfer. Dazu kamen Reparaturen an größeren Ozeanschiffen, wenn sie, was von Jahr zu Jahr mehr geschah, Tsingtau anliefen. Angesichts der Entwicklung des Flugwesens in Europa faßte Oster den Entschluß, da draußen auch zum Bau von Flugzeugen überzugehen. Er reiste deshalb nach Berlin, um selbst fliegen zu lernen. In der "Berliner Illustrierten" vom Mai 1911 finden wir noch ein auf dem Flugplatz Johannistal aufgenommenes Bild, auf dem er mit anderen Vorkämpfern für das Flugwesen, wie Direktor Rumpler, dem Erbauer der zu Kriegsanfang so populären "Rumplertaube", zu sehen ist. Mit einer solchen "Rumplertaube" an Bord reiste Oster nach Ostasien zurück, um praktisch ans Werk zu gehen. Unterwegs ließ er sich überreden, auf Ceylon, wo man damals noch keine Flugzeuge gesehen hatte, Schauflüge zu veranstalten. Ueber hunderttausend Zuschauer der verschiedensten Nationen der Welt jubelten dem deutschen Flieger zu. Drei Flüge gelangen, doch beim vierten stürzte er bei ungünstigen Windverhältnissen ab; er erlitt schwere Verletzungen und war monatelang ans Krankenlager gefesselt. Kaum genesen versuchte er in Tsingtau zu fliegen. Doch für die viel stärkeren Winde als in Deutschland erwies sich die Maschine als zu schwach. Unermüdlich konstruierte er weiter an seinem Apparat, bis es ihm an einem frühen Morgen gelang, als erster Deutscher, ja überhaupt als erster in den Lüften des fernen Ostens zu kreisen.
Bei Ausbruch des Weltbrandes befand sich Oster auf einer Geschäffsreise in Tokio, im Kreise japanischer Generalstabsoffiziere. Durch einen Freund telephonisch in Kenntnis gesetzt, flüchtete er, ohne sich von seinen Gästen zu verabschieden und ohne Gepäck. Auf einer verwegenen Fahrt durch den Norden Japans gelang es ihm schließlich, auf einem neutralen Schiff Tsingtau zu erreichen. Obwohl er damals schon das fünfundvierzigste Lebensjahr überschritten hatte, stellte er sich mit einem Privatflugzeug den deutschen Militärbehörden zur Verfügung. Damit nahm er an der Verteidigung Tsingtaus gegen die Japaner teil. Am 14. Oktober 1914 wurde seine Maschine auf einem Erkundungsflug von einem feindlichen Schrapnell getroffen, und Oster stürzte ab. Schwer verwundet kam er ins Lazarett. Am 7. November 1914 fiel er bei der Einnahme der Stadt in die Hände der Japaner. Zum Abtransport der schwerverwundeten kommandierten die Japaner chinesische Kulis. Darunter befanden sich Arbeiter von Oster, die raffinierte Vorbereitungen getroffen hatten, um ihn aus der Gefangenschaf zu befreien. Da er aber Repressalien für seine Mitgefangenen befürchtete und auch glaubte, daß der Krieg bald zu Ende sei, lehnte er das Angebot seiner getreuen Chinesen ab. Doch fast fünf lange Jahre mußte er mit der gesamten Besatzung von Tsingtau in japanischer Gefangenschaft verbringen. Oster hatte dabei besonders zu leiden, weil man ihn lange wegen Spionageverdachts in Einzelhaft behielt.
Sein Geschäft war während des Krieges ruiniert worden, und so lebte Oster nach dem Kriege als Zivilingenieur und Havariekommissar in Tsingtau. Immer lag ihm die Pflege des Deutschtums am Herzen. Er nutzte seine Verbindungen mit Ausländern stets, um Deutsche mit jenen in Geschäftsbeziehungen zu bringen. So half er, den Ueberseemarkt für deutsche Erzougnisse zu erschließen und weiter ausbauen. Sein Haus in Tsingtau war eine Gaststätte für internationalen Besuch, wobei seine Gattin - eine geborene Schlesierin - nach guter deutscher Sitte und deutschem Brauch die Gäste bewirtete. Unter ihrer Obhut stand auch die Pflege der deutschen Kriegergräber in Tsingtau. Oster und seine Frau waren dort seit Jahren die ältesten deutschen Ansiedler.
Franz Oster, der ohne je Aufsehen von seiner Person zu machen, in 38 Jahre langem zähen Schaffen in überseeischen Ländern das Ansehen des Deutschtums gefördert hat, war mit vorbildlicher Energie und Ausdauer stets bemüht, fremde Menschen für deutschen Geist, deutsche Sitte und deutsche Erzeugnisse zu gewinnen. Nie verlor er den Glauben - auch in den schwersten Zeiten nicht - an sein deutsches Vaterland. seine Ueberreste ruhen nun in fremder Erde neben deutschen Kriegsgefallenen; auf seinen Grabstein aber darf man die Worte schreiben, daß er die letzte Ruhestätte eines Pioniers für das Deutschtum im Auslande deckt.

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