Nachbarn, die in den Krieg zogen

Nachbarn, die in den Krieg zogen

Die Grausamkeit des Krieges zeigt sich eindrücklich in einer neuen Broschüre, die Erich Tentler und Gert Bellinghausen erstellt haben. Darin erzählen Totenzettel berührende Geschichten von Soldaten aus Aegidienberg

Von Roswitha Oschmann

AEGIDIENBERG. Erich Tentler schüttelt bewegt den Kopf. „Aegidienberg hatte 111 Tote zu beklagen – und dies bei damals lediglich 1200 Einwohnern.“ 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat er gemeinsam mit Gert Bellinghausen den Gefallenen aus Aegidienberg eine Art Denkmal gesetzt – die beiden haben unter dem Dach des Bürgervereins eine Broschüre erstellt, in der die Totenzettel der Soldaten, die nicht heimkehrten, abgebildet sind.

„Gedenken stirbt nie“, betont Tentler. Pünktlich zum Volkstrauertag hat er mit Bellinghausen die Hefte aus der Druckerei abholen können. Auch in den Kirchen sollen sie ausliegen. Die Totenzettel kehren praktisch dahin zurück, wo sie einst verteilt wurden, wenn wieder einmal eine Messe für einen gefallenen Sohn des Dorfes gehalten werden musste. „Meine Mutter hat diese Totenzettel aus der Kirche mitgebracht, aufbewahrt und gepflegt“, so Erich Tentler, der den Schmerz seiner Mutter über das fremde Leid eindrücklich in Erinnerung hat.

„Wir gehören zur letzten Generation, die noch aus eigenem Erleben davon berichten kann“, sagt Tentler. Wie sein Mitstreiter war er sieben, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Auch Bellinghausen hat die Verzweiflung mitbekommen, wenn in den Familien eine Todesnachricht eintraf. „Bei unseren Nachbarn fiel der erste Sohn, dann der zweite, die Eltern waren untröstlich“, so der Mitgründer des Bürgervereins. Fast alle Totenzettel sind mit Foto. „Das ist unser Nachbar, der Hubert Hallerbach, er war das einzige Kind. Schlimm für die Eltern“, sagt Erich Tentler. Auch Gerhard Quink wohnte in seiner Nähe. Der 36-jährige Vater von zwei Kindern ließ sein Leben am Tag vor Kriegsende in Amsterdam. Tentler kannte auch August Schmitz. Als Solokradfahrer starb er im Dezember 1941 in Rußland.

Zu vielen haben die beiden Herrn etwas zu erzählen, zu Hermann Schneider etwa. „Er war maßgeblich im Kampf gegen die Separatisten 1923 aktiv.“ Er starb 1946 in russischer Gefangenschaft. „Seine Frau hörte über den DRK-Suchdienst von einem Hermann Schneider aus dem Rheinland und meldete sich. Später bestätigte ein Kamerad die Todesnachricht. Er hatte Wort gehalten und nach seiner Entlassung die Frau seines Kameraden besucht.“

Für Ernst Piot fertigte Erich Tentler selbst einen Totenzettel an. Ein Bekannter hatte das Grab von Johann Kurenbach in Lommel besucht. „Der entdeckte dabei Ernst Piot und teilte mir dessen Grabnummer 56/200 mit.“ Auf dem Soldatenfriedhof liegt auch der Arztsohn Hansjörg Rehdantz.

Ein nahegehendes Schicksal erlitt Hans Buchholz, Lehrer in Wülscheid und Aegidienberg. Er galt als vermisst seit den letzten Kriegstagen. Seine Tochter wurde 2006 überrascht, als ihr von der Kriegsgräberfürsorge mitgeteilt wurde, dass ihr Vater gefunden worden sei. Er erhielt auf dem Waldfriedhof Halbe seine letzte Ruhestätte. Käthe Buchholz konnte als Rentnerin erstmals an sein Grab treten. Auch für ihn schufen die Autoren einen Totenzettel.

In Erinnerung haben beide ihre Mütter, wenn sie wieder einmal traurig von einer Totenmesse zurückkamen. Glücklicherweise blieben beide vom Verlust verschont. Bellinghausen erzählt von seinem Bruder Theo, der sich von der Unterprima aus freiwillig an die Front gemeldet hatte. „Als er aus der Gefangenschaft von der Goldenen Meile zurückkam, stand er wie zur Salzsäule erstarrt in der Tür.“ Er hatte den Krieg kennengelernt.

Die Sammlung von 48 Zetteln der Familie Tentler war der Grundstock für die Publikation. Zurückgreifen konnten die Autoren zudem auf die Archive von Hans Wintersberg, Josef Hambuch, Mathias Tummer und Karl Gast. Nicht von allen Gefallenen sind Totenzettel überliefert. Diese Soldaten sind namentlich aufgeführt. Für Ergänzungen wären die Autoren dankbar, die im Vorwort Dechant Tummer zitieren, der 20 Jahre nach Kriegsende an die Bedeutung des Volkstrauertages erinnerte: den Geist der Versöhnung.

BROSCHÜRE

Gedenken auch der in Aegidienberg Verstorbenen

Der Titel des Gedenkheftes zeigt das Wappen Aegidienbergs und ein Foto vom Aegidienberger Friedhof mit 29 Grabsteinen für Kriegsopfer aus der Umgebung. Hier ruhen 53 namentlich genannte und sieben unbekannte Gefallene sowie zwei Kleinkinder. Auch diesen hier beerdigten Kriegsopfern soll gedacht werden. Auf einer Seite sind außerdem die Namen der gefallenen Aegidienberger Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg aufgeführt. oro

Quelle: General-Anzeiger-Bonn vom 15.11.2025


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Die Grausamkeit des Krieges zeigt sich eindrücklich in einer neuen Broschüre, die Erich Tentler und Gert Bellinghausen erstellt haben.