Die fast ver­ges­se­ne Ge­denk­stät­te

Administrator (admin) on 18.08.2021

Ei­ne Bron­ze­skulp­tur an der A3 er­in­nert anSil­ke Bi­schoff, die beim Gei­sel­dra­ma von Glad­beck am 18. Au­gust 1988 ihr Le­ben ver­lor

Die fast ver­ges­se­ne Ge­denk­stät­te

Ei­ne Bron­ze­skulp­tur an der A3 er­in­nert anSil­ke Bi­schoff, die beim Gei­sel­dra­ma von Glad­beck am 18. Au­gust 1988 ihr Le­ben ver­lor

 

Von Hei­ke Ha­mann (Text) und Frank Ho­mann (Fo­tos)

AE­GI­DIEN­BERG. | Mar­tin Mal­lach ist ein hart­nä­cki­ger Mann. Nie­mand, der un­ver­rich­te­ter Din­ge auf­gibt. Lang­sam schiebt der 82-Jäh­ri­ge sei­nen Rol­la­tor über den holp­ri­gen Feld­weg, der von der Ko­chen­ba­cher Brü­cke ent­lang der A 3 über ei­ni­ge Hun­dert Me­ter zur Ge­denk­stät­te für Sil­ke Bi­schoff führt. „Bis vor Kur­zem war der Weg hier knie­hoch zu­ge­wach­sen“, er­zählt er. „Ich ha­be der Stadt ei­ne Mail ge­schrie­ben, dass man hier mal mä­hen müss­te. Scheint ge­wirkt zu ha­ben.“ Der Hart­nä­ckig­keit Mal­lachs und sei­ner Mit­strei­ter ist es auch zu ver­dan­ken, dass an der Stel­le, an der am 18. Au­gust 1988 das Gei­sel­dra­ma von Glad­beck blu­tig en­de­te und Jür­gen Rös­ner die 18-jäh­ri­ge Sil­ke Bi­schoff er­schoss, bis heu­te ei­ne Bron­ze­sta­tue an das Schick­sal der jun­gen Frau er­in­nert.

Am An­fang stand ein schlich­tes Holz­kreuz. Kurz hin­ter der Ko­chen­ba­cher Brü­cke in Fahrt­rich­tung Frank­furt hat­te es je­mand nach der Tra­gö­die auf­ge­stellt. Nicht sel­ten hiel­ten Au­to­fah­rer – ver­bo­te­ner­wei­se – auf dem Sei­ten­strei­fen an, um Blu­men ab­zu­le­gen. Als An­fang der 2000er Jah­re die ICE-Tras­se durch das Sie­ben­ge­bir­ge ent­stand, wur­den un­weit der Stel­le die Lärm­schutz­wand zur Au­to­bahn er­rich­tet und gan­ze Stra­ßen­ab­schnit­te neu ge­stal­tet. Das Holz­kreuz war Ver­gan­gen­heit. Und das rief Mar­tin Mal­lach auf den Plan.

An den 18. Au­gust 1988 er­in­nert sich der Wind­ha­ge­ner noch heu­te. Er ge­hör­te nicht zu den Schau­lus­ti­gen, die von der Ko­chen­ba­cher Brü­cke aus den ge­walt­sa­men Po­li­zei­zu­griff auf das Flucht­au­to mit Hans-Jür­gen Rös­ner, Die­ter De­gow­ski und ih­ren bei­den ver­blie­be­nen Gei­seln Sil­ke Bi­schoff und Ines Voit­le be­ob­ach­te­ten. „Doch bei uns in den Dör­fern knub­bel­te sich der Ver­kehr, da ja die Au­to­bahn ge­sperrt war. Wir wuss­ten, da ist et­was im Gan­ge.“

Mal­lach reg­te 2003 ei­nen Ort für ein „wür­di­ges Ge­den­ken“ an, wie er sagt. Und der Wind­ha­ge­ner schrieb vie­le Brie­fe: an die Stadt Bad Hon­nef, an den Lan­des­be­trieb Stra­ßen­bau, wie er da­mals hieß, an die Po­li­zei, die Deut­sche Bahn, die nord­rhein-west­fä­li­sche Lan­des­re­gie­rung, den Bund. Doch die In­itia­ti­ve des Wind­ha­ge­ners droh­te an ge­setz­li­chen und fi­nan­zi­el­len Hür­den zu schei­tern. „Und dann kam Rai­ner Hütz und pflanz­te ei­ne Lin­de“, er­zählt Mal­lach und grinst. Hütz, da­mals In­ge­nieur beim Lan­des­be­trieb Stra­ßen­bau, griff zum Spa­ten und setz­te den Baum als Zei­chen der Er­in­ne­rung dicht an der Au­to­bahn in den Bo­den. „Da­mit wa­ren Fak­ten ge­schaf­fen“, sagt Mal­lach. Sein Ziel hat er im Üb­ri­gen nie aus den Au­gen ver­lo­ren: „Ich hat­te die Sa­che doch an­ge­fan­gen, al­so mach­te ich sie auch wei­ter.“

Un­ter­stüt­zung er­hielt der 82-Jäh­ri­ge un­ver­hofft über vie­le Hun­der­te Ki­lo­me­ter hin­weg aus Bay­ern: Durch ei­nen Be­richt im Ge­ne­ral-An­zei­ger war Wer­ner Grün­bau­er auf das En­ga­ge­ment des Wind­ha­ge­ners auf­merk­sam ge­wor­den. Grün­bau­er, heu­te 56 Jah­re alt, be­wirt­schaf­tet ei­nen Bau­ern­hof un­weit des Am­mer­sees und ist seit 2011 Bür­ger­meis­ter der Ge­mein­de Pähl im Pfaf­fen­win­kel. Das Gei­sel­dra­ma und der Tod der jun­gen Frau hät­ten ihn sei­ner­zeit tief be­rührt, er­zählt er. „Ich hat­te da­mals Kon­takt zu der Fa­mi­lie. Das Leid und die Ohn­macht ver­ges­se ich nicht.“ Ein gan­zer Staats­ap­pa­rat ha­be tief­grei­fend ver­sagt, ei­ne Mut­ter da­durch ihr Kind ver­lo­ren. „Das durf­te man nicht ver­ges­sen.“ Ein­fach zur Ta­ges­ord­nung über­zu­ge­hen, ha­be er als falsch emp­fun­den.

Auch Grün­bau­er schrieb et­li­che Brie­fe. „Wal­ly Fei­den, die da­ma­li­ge Bür­ger­meis­te­rin in Bad Hon­nef, hat vie­le Tü­ren ge­öff­net“, er­in­nert er sich. Und er ver­mu­tet auch, dass der da­ma­li­ge NRW-Mi­nis­ter­prä­si­dent Jo­han­nes Rau im Hin­ter­grund für die In­itia­ti­ve ein paar Fä­den zog. „Der Vor­lauf hat trotz­dem Jah­re ge­dau­ert“, sagt Grün­bau­er. „Das war schon ei­ne Haus­num­mer.“

Am 18. Au­gust 2009 schlie­ß­lich wur­de die Ge­denk­stät­te für Sil­ke Bi­schoff in klei­nem Kreis ein­ge­weiht. Ex­akt 50 Me­ter süd­lich des A 3-Ki­lo­me­ters 38, so wie es ein am Ein­satz be­tei­lig­ter SEK-Be­am­ter be­stä­tigt hat­te, steht im Schat­ten der Lin­de die Bron­zes­te­le auf ei­nem Ba­salt­so­ckel, den Mal­lach aus ei­nem Stein­bruch bei Wetz­lar er­wor­ben hat. Der baye­ri­sche Künst­ler Franz Häm­mer­le, ein Be­kann­ter Grün­bau­ers, ge­stal­te­te die Bron­ze­skulp­tur, de­ren En­den wie zwei En­gels­flü­gel oder aber schutz­su­chen­de Ar­me zum Him­mel zei­gen. 62 Ein­schuss­lö­cher hat die Ste­le, eben­so vie­le, wie das Flucht­au­to nach dem töd­li­chen En­de des Gei­sel­dra­mas. An der Ko­chen­ba­cher Brü­cke wur­de an die­sem Tag zu­dem ei­ne Ge­denk­ta­fel be­fes­tigt, die ein Schul­ka­me­rad Sil­ke Bi­schofs ge­fer­tigt hat. Nüch­tern, oh­ne Pa­thos ist auf ihr die Chro­no­lo­gie des Gei­sel­dra­mas nach­zu­le­sen. Sil­ke Bi­schoffs Mut­ter war an die­sem Tag zum ers­ten Mal an dem Ort, an dem ih­re Toch­ter starb. Für Mal­lach geht es heu­te in ers­ter Li­nie um die Er­in­ne­rungs­kul­tur, „nicht um die ju­ris­ti­sche oder po­li­zei­li­che Auf­ar­bei­tung des Gei­sel­dra­mas“, wie er be­tont. Den­noch be­schäf­tigt ihn die Fra­ge, wer die Ge­denk­stät­te pflegt, „wenn wir in zehn, 20 Jah­ren nicht mehr le­ben?“ Schon heu­te sei et­wa die Ge­denk­ta­fel an der Ko­chen­ba­cher Brü­cke „kein Aus­hän­ge­schild“, wie er fin­det. Wil­der Wein droh­te ei­ne Zeit lang über die Flä­che zu wu­chern. Spray­er hin­ter­lie­ßen ih­re Zei­chen rechts und links auf der Lärm­schutz­wand – die Ta­fel al­ler­dings blieb im­mer au­ßen vor.

Für Mal­lach ist die­ser Er­in­ne­rungs­ort au­then­tisch. Das kön­ne man ge­ra­de hier der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on ver­mit­teln. „Es geht doch um Fehl­ver­hal­ten der Men­schen, durch das ein an­de­rer Mensch sein Le­ben ver­lo­ren hat. An ei­nem sol­chen Ort wird das deut­lich.“

Das Gei­sel­dra­ma

Drei Ta­ge Flucht durch Deutsch­land und Hol­land

Am 16. Au­gust 1988 neh­men Hans-Jür­gen Rös­ner und Die­ter De­gow­ski nach ei­nem miss­glück­ten Bank­über­fall in Glad­beck erst zwei Bank­an­ge­stell­te, spä­ter 20 In­sas­sen ei­nes Bre­mer Li­ni­en­bus­ses als Gei­seln. Drei Ta­ge dau­ert die Flucht durch das Ruhr­ge­biet und Hol­land, bei der ein Po­li­zist und der 15-jäh­ri­ge Ema­nue­le de Gior­gi ster­ben. In Köln ge­ben die bei­den Gei­sel­gangs­ter um­ringt von Schau­lus­ti­gen und Jour­na­lis­ten Live-In­ter­views, be­vor sie ih­re Flucht mit den Gei­seln Sil­ke Bi­schoff und Ines Voit­le über die A 3 fort­set­zen. Am 18. Au­gust um 13.50 Uhr er­folgt der Zu­griff in Hö­he Ae­gi­dien­berg.

 

Quelle: General-Anzeiger-Bonn vom 18.08.2021

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