Vom Bauernland zum Bauland

Administrator (admin) on 28.09.2022

Bad Honnef wächst vor allem in den ehemaligen Weilern von Aegidienberg.

Vom Bauernland zum Bauland

Bad Honnef wächst vor allem in den ehemaligen Weilern von Aegidienberg. Das beklagt Landwirt Tentler

 

Von Roswitha Oschmann

AEGIDIENBERG. | Wenn Robert Tentler den Blick in die Ferne richtet, sieht er das Siebengebirge „von hinten“ und den Kirchturm der Pfarrkirche davor: In Aegidienberg lebt und arbeitet der 55-Jährige, als einer der Letzten seines Metiers im früher bäuerlich geprägten Höhenstadtteil von Bad Honnef. 1992 hatte er den Betrieb von den Eltern übernommen. Hier ist er verwurzelt, persönlich wie beruflich.

Wintersberg heißt der Weiler, er gehörte früher zur Honschaft Höhe, eine von acht Honschaften – die untersten Verwaltungseinheiten auf dem Land –, aus denen sich das Kirchspiel Aegidienberg zusammensetzte. „Mein Großvater hatte in den Hof eingeheiratet“, erzählt Tentler, dessen Mutter in dem über 150 Jahre alten Fachwerkgebäude mit den Stallungen dahinter lebt, während Tentler und seine Frau Ute gegenüber ein eigenes Haus bauten. Eine Kuh mit Kälbchen muht direkt neben dem Wohnhaus, eine Katze streicht dem Hausherrn um die Beine. Hier herrscht noch bäuerliche Idylle, wie sie einst für Aegidienberg typisch war.

Das Anwesen Tentlers ist das letzte an der Stichstraße, dahinter nur noch Grün – und die Herde. Nein, Lore, Lotte, Liese stehen hier nicht. „Ich gebe meinen Kühen keine Namen“, sagt der staatlich geprüfte Landwirt, der auf dem elterlichen Hof seine Ausbildung absolvierte und die Landwirtschaftsschule in Siegburg besuchte. Die Technik und die Tiere faszinierten ihn. „Ich bin da so reingewachsen, einen anderen Berufswunsch hatte ich nie.“

Tentler kennt das noch aus seiner Kindheit: Die Menschen betrieben Landwirtschaft und gingen oft zusätzlich anderen Berufen nach – sie hatten außerdem noch eine Gastwirtschaft oder waren ganz früher im Erz- und Basaltabbau beschäftigt. Das Ortswappen auf Schiefer, das Künstler Richard Lenzgen einst schuf, zeigt neben bäuerlichem Gerät auch Grubenlampe, Schlägel und Eisen. Auch Tentlers Frau macht einen Vollzeitjob im Büro.

In Aegidienberg existieren noch sechs landwirtschaftliche Betriebe mit zusammen etwa 100 Kühen – drei Hauptakteure, ein Nebenerwerbsbetrieb und ein Hobbylandwirt, dazu ein großer Pferdebetrieb. „Aegidienberg ist sehr zersiedelt“, sagt Tentler. Die Autobahn und die Schnelltrasse der Bahn zerschneiden das Gelände.

Und dann sei da das generelle Problem der deutschen Landwirtschaft, wovor der Bauernverband warnt: Fläche wird zu Bauland, wird versiegelt. Tentler: „Fläche ist in Deutschland knappes Gut, sie wird der Produktion von Nahrungsmitteln entzogen.“ Folgegenerationen hätten nur noch winzige Betriebe. Tentler: „Der Großteil bäuerlicher Betriebe ist auf diese Weise ausgelaufen.“

„Die Landwirtschaft muss für alles herhalten – ob Klima oder Insektensterben“, ärgert sich Tentler zum Beispiel über Diskussionen wie um eine CO 2-Steuer für das Halten von Rindern. Eine „Pupssteuer“ für Kühe? Tentler: „Über die EU wurde den Landwirten ein Zwangskorsett aufgedrückt. Als ich die Ausbildung machte, hatte ich das Gefühl, die Gesellschaft ist froh, dass genügend Lebensmittel produziert werden.“

Wertschätzung für

Lebensmittelproduktion sinkt

Mittlerweile gebe es die im Überfluss, aber die Wertschätzung sei geringer geworden. „Ich weiß, was es heißt, zu produzieren“, sagt Tentler. Er halte Kühe, um Nahrungsmittel zu produzieren, und nicht für einen schönen Nachmittag. „Hier haben wir eine Grünlandregion, nur wenige Felder, wie anders als über Tiere können wir sie der menschlichen Ernährung zuführen?“

Vor zwei Jahren ging seine letzte Milchkuh vom Hof. Der Aegidienberger hat umgestellt auf Mutterkuhhaltung. Als Einzelkämpfer war die Milchkuhhaltung wie eine „Fußfessel“, selbst mit Gipsarm musste er melken. Der Klassiker jetzt: Mit der Milch wird das im Frühjahr geborene Kalb gesäugt, im Herbst werden die Kälber abgesetzt und verkauft oder werden selbst Mutterkuh. „Die Umstellung ist ein Prozess über Jahre.“ Waren es vorher Schwarz- oder Rotbuntrinder, so züchtet er nun Kühe heran mit einem höheren Fleischertrag.

Rund 30 Tiere hält er, Tentler ist kein Freund der Massentierhaltung. „Das aber ist die Voraussetzung für ganz billig. Geld wird nicht mit, sondern an der Landwirtschaft verdient“, bedauert er. Über einen Händler und einen regionalen Metzger vermarktet er sein Vieh. „Wir ernähren die Menschen, eine daran angepasste Wertschätzung wünsche ich mir, ebenso eine zuverlässige Politik hinsichtlich der Rahmenbedingungen.“ Und: Kleine bäuerliche Betriebe pflegen die Landschaft. Ohne die Kühe würde sie verbuschen – wenn sie nicht zugepflastert wird. Sein Wunsch für die Zukunft: „Dass es noch Landwirtschaft gibt, dass sie von hier aus noch regional und gerne betrieben wird.“

Aegidienberg:

Benannt ist der Stadtteil nach dem Viehpatron

Wenn von einem „Mekka der Millionäre“ in NRW berichtet wird, ist auch von Bad Honnef die Rede. Der Grundstein für den Wohlstand wurde früh gelegt. Nachdem das Städtchen in der Rheinromantik entdeckt wurde, ließen sich Sommerfrischler hier Villen errichten. Ein Bauboom setzte ein. Vor mehr als 200 Jahren sah es in Honnef noch anders aus.

Aus Napoleonischer Zeit ist bekannt, dass der Ort knapp 500 Häuser hatte. Aber auch 1000 Morgen Ackerland, 800 Morgen Rebland und 60 Morgen Wiesen. Das letzte freie Terrain ist heute das Selhofer Feld. Seit Jahrzehnten wird diskutiert, ob und wie daraus Bauland werden soll.

Insofern war Aegidienberg 1969 eine Art „reiche Braut“, die bei der Kommunalen Neuordnung viel Fläche mitbrachte. Es waren Honnefer, die zuvor schon oben gesiedelt hatten. Die Bezeichnung „Hunferode“ in einer Urkunde von 1345 lässt darauf schließen. Erst im 16. Jahrhundert wurde daraus Aegidienberg – nach dem heiligen Aegidius, dem Viehpatron. Aus dem Höhenortsteil, auf dem früher viele Kühe weideten und Kartoffeln angebaut wurden für die legendären „Rievkooche“, wurde der Bauplatz der Stadt Bad Honnef – hier entstanden Wohnquartiere und Gewerbegebiete. Auch aktuell sind Bauplätze wie am Rederscheider Weg in Planung. oro

 

Quelle: General-Anzeiger-Bonn vom 28.09.2022

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