Aegidienberg statt Dubai

Administrator (admin) on 28.07.2020

Kurzer Weg in den Urlaub für die Gäste auf dem Campingplatz Jillieshof

Aegidienberg statt Dubai

Kurzer Weg in den Urlaub für die Gäste auf dem Campingplatz Jillieshof

 

Von Heike Hamann
Aegidienberg. Der Urlaub beginnt hinter dem Kreisel rechts. Vorbei am Supermarkt, über eine enge Straße mitten durch das Wohngebiet. Und dann ist da plötzlich Platz. Sehr viel Platz umgeben von viel Grün. „Vier Hektar“ präzisiert Helene Efferoth. Das reicht normalerweise für 190 Dauerstellplätze, 40 Touristenplätze und eine große Gruppenwiese, auf der Schulklassen oder Pfadfinder ihre Zelte aufbauen.
So zumindest war es in den vergangenen 50 Jahren auf dem Campingplatz Jillieshof, den Hans-Peter und Helene Efferoth in zweiter Generation führen. „Unser 50-jähriges Bestehen hätten wir eigentlich am 8. August mit einem großen Sommerfest gefeiert“, sagt Helene Efferoth. „Aber daraus wird jetzt ja nichts.“ Der Corona-Sommer 2020 läuft eben überall anders als gedacht – auch auf dem Campingplatz in Aegidienberg.
Das Wetter an diesem Vormittag ist nicht eben urlaubsverdächtig. Doch Angelie und Piet Cuypers, die mit ihrem Sohn Bart am Vorabend aus Utrecht angereist sind, ficht das nicht an. Piet hat Klappstühle und Tisch aufgebaut, Angelie holt aus dem umgebauten Bulli Kaffee und Brötchen, Bart kommt in Shorts und mit Handtuch aus dem Waschhaus. „Wir waren noch nie am Rhein“, sagt Angelie. „Und das, obwohl wir seit 40 Jahren campen.“
Allzu weit wollten sie in diesem Corona-Sommer nicht von zu Hause fort, aber dennoch etwas Neues erkunden: Nach dem Siebengebirge führt ihre Reiseroute über die Loreley bis zum Rheinfall nach Schaffhausen. „Das wird eine super Tour“, sagt Piet, grinst fröhlich und beißt in sein Wurstbrötchen.
„Seit vergangener Woche kommen die Holländer langsam wieder“, hat Helene Efferoth beobachtet. Am 11. Mai, daran erinnert sich die 60-Jährige genau, durften sie ihren Campingplatz nach dem Lockdown wieder öffnen – unter strengen Auflagen. Häufigere Reinigungsintervalle in den Dusch- und WC-Räumen, überall Desinfektionsmittel, Maskenpflicht in den öffentlichen Bereichen, weniger Stellplätze belegt, um mehr Abstand zum Nachbarn zu wahren. „Die Gruppenwiese machen wir diesen Sommer gar nicht erst auf“, sagt Efferoth. „Die Zeltlager sind ja so gut wie alle abgesagt.“
Die Nachfrage nach der Wiedereröffnung Mitte Mai sei zunächst verhalten gewesen. „Aber dann, an den langen Wochenenden über Christi Himmelfahrt, Pfingsten und Fronleichnam, haben sie uns quasi überrannt. Alle wollten raus.“ Die ersten Gäste kamen aus Nordrhein-Westfalen, darunter Sylvia Gölker aus Wuppertal, die mit ihrem Mann seit rund zehn Jahren zu Efferoths Stammgästen zählt.
Auch die Kleinknechts sind wieder da. Der 80-jährige Paul Kleinknecht und seine vier Jahre ältere Ehefrau Ingrid kommen seit vier Jahrzehnten nach Aegidienberg. Wenn die ganze Familie zusammen ist, treffen 13 Personen aus vier Generationen aufeinander, die sich auf mehrere, liebevoll hergerichtete Dauerstellplätze verteilen. „Ein Kollege hat mir damals den Tipp mit Aegidienberg gegeben“, erinnert sich Paul Kleinknecht. „Er sprach von einem Lungenheilklima hier oben.“ Er genieße bis heute die Natur, wandere noch immer viel, trinke dann gerne ein, zwei Weinschorlen in Rhöndorf und fahre im Anschluss mit dem Bus wieder zurück. „Das ist toll.“ Angst vor Corona merkt man dem rüstigen Senior nicht an.
Doch Helene Efferoth hat in den vergangenen Wochen durchaus Anrufer mit Bedenken in punkto Sicherheit am Telefon gehabt. Deutlich mehr Besucher als in den Vorjahren reisten in diesem Sommer mit dem eigenen Zelt an, hätten die Fahrräder dabei. Für sie auch ein Zeichen, dass viele „Ersttäter“ dabei sind. „Man muss ehrlich zu den Menschen sein: Wenn ich am Telefon merke, dass jemand sehr zurückhaltend ist und sich viele Sorgen macht, sage ich auch schon mal: Vielleicht warten sie einfach besser noch etwas ab.“
Für Nicole Horath, ihren Mann Martin und Sohn Tom ist der Urlaub an diesem Vormittag schon wieder vorbei. An der Rezeption begleicht sie bei Helene Efferoth gesichert durch Maske und Spuckschutz die Rechnung. Zwei Nächte hat die Familie aus Bornheim auf der anderen Rheinseite im Siebengebirge verbracht. „Es war super hier“, sagt Nicole Horath. Und es klingt ehrlich. Vergangene Woche waren sie auf einem Campingplatz an der Agger. „Auch ganz schön“, findet Horath.
In diesen Corona-Sommerferien will die Familie Orte in ihrer Nähe erkunden. „Wann kommt man schon mal dazu?“, fragt sie.Dabei sei der Plan für den Sommer 2020 ein ganz anderer gewesen. „Zum 40. Geburtstag meines Mannes wollten wir eigentlich zusammen nach Dubai in ein schönes Hotel fliegen“, sagt sie. Dann kam Corona und alles anders. Ihr Mann habe sich kurzentschlossen einen Männertraum erfüllt und einen Wagen so umgebaut, dass die große Matratze hineinpasst. „Für Tom ist das alles ein großes Abenteuer“, sagt sie. „Und für uns irgendwie auch.“
Zwischen der dichten Wolkendecke blitzt zwischen Löwenburg, Lohrberg und Oelberg kurz die Sonne hindurch. Es muss eben nicht immer Dubai sein.

Auflagen in NRW
Hygiene und Abstand zwischen Stellplätzen
Seit dem
11. Mai dürfen
Campingplätze in NRW wieder für Gäste öffnen. Die Hygiene- und Infektionsschutzstandards regelt die Coronaschutzverordnung (CoronaSchuVo NRW), die in der aktuellen Form bis zum 11. August gilt.Auch auf Campingplätzen müssen
Kontaktdaten der Reisenden erhoben und
Desinfektionsspender zur Verfügung gestellt werden, der
Mindestabstand von 1,50 Metern ist zwischen den
Stellplätzen durch Abtrennungen sicherzustellen,
Dusch- und Waschräume zu belüften und regelmäßig zu reinigen.

 

Quelle: General-Anzeiger-Bonn vom 28.07.2020

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